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Vom Kaufen zum Teilen – ein begünstigender Wertewandel für die circular economy

Urbanisierung, ein globales Phänomen – immer mehr Menschen zieht es in die Stadt. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts lebten bereits mehr als 50% der Weltbevölkerung in Städten. Die Vereinten Nationen prognostizieren, dass bis 2050 fast 70% der Menschen in urbanen Gebieten leben werden.

Mobilität im urbanen Raum gilt als eines der wichtigsten und anspruchsvollsten Entwicklungsthemen der Automobilindustrie. Die Branche ist jedoch mit einem wachsenden Desinteresse der jüngeren Generation konfrontiert.

Mobil zu sein ist zwar „in“, verschiebt sich aber auf den digitalen Raum, oder auf die gemeinsame Nutzung mobiler Infrastrukturen innerhalb der Stadt.

Ausgehend von Europa vollzieht sich in der sogenannten „Millenialgeneration“ (Jahrgänge von ca. 1980-1995) ein Wertewandel, in welcher das Auto als Statussymbol ausgedient hat.

Licensed under CC - credit Flickr user: Shawn Hoke
Licensed under CC – credit Flickr user: Shawn Hoke

Ein Auto zu besitzen wird häufig als Belastung, anstatt als Entlastung empfunden. Es könnte mehr Zeit, Geld und Nerven beanspruchen, als dass es Unabhängigkeit und einen privaten Rückzugsraum bietet. Die neuen Statussymbole der Jugend sind Smartphone, schicke Rennräder und die Vernetztheit in sozialen Netzwerken. Tauschen und Teilen ist Trend, Services werden neugierig ausprobiert und in Anspruch genommen. Autohersteller reagieren schon lange mit dem Angebot unterschiedlicher Carsharing-Systeme.

Der Puls der Zeit wird besonders an einem weiteren Beispiel der urbanen Mobilität sichtbar:

Seit dem erstmals bekannt gewordenen, gemeinschaftlich genutzten Fahrradverleihsystem „White Bicycle Plan“, welches 1965 von Luud Schimmelpennink in Amsterdam initiiert wurde,
wuchs die Anzahl von Fahrradverleihsystemen weltweit seit 2001 sprunghaft an und vollzog ab 2006 einen regelrechten Quantensprung.

Im Juni 2014 gab es weltweit 712 Bikesharing-Systeme. In der chinesischen Stadt Wuhan gibt es derzeit das weltweit größte Fahrradleihsystem mit einer Flotte von ca. 90.000 Fahrrädern. Europa verzeichnet momentan die meisten Fahrradleihsystemanbieter. Aufgrund der geringeren Größe der Städte sind die Flotten hier jedoch kleiner als in Asien. Das europaweit größte und vermutlich populärste Verleihsystem ist das Vélib der Stadt Paris. Der Name vereint die französischen Ausdrücke für Fahrrad (vélo) und Freiheit (liberté). Es wurde 2007 eingeführt und umfasst heute 20.600 Fahrräder an mehr als 1.450 Verleihstationen. Täglich legen Bewohner und Touristen insgesamt 312.000 km auf dem Vélib zurück und entlasten damit den Autoverkehr im Zentrum von Paris um ca. 24%. Insbesondere für das Zurücklegen einer Distanz von unter einer Meile mauserte sich das gemeinschaftlich genutzte Fahrrad zu einer der beliebtesten Fortbewegungsmittel der Stadt.

Das Fahrrad wuchs und wächst als Ausdruck einer neuen, urbanen Lebensart. Das Vélib entwickelte sich zum Symbol einer angesagten „Bourgeois-bohème“ und verkörpert u.a. das bereits erwähnte, auf gemeinschaftliche Service-Nutzung fokussierte Lebensgefühl im urbanen Raum.

Die genannten Schauplätze dienen als Anregung, um bestehende Zusammenhänge einer sharing economy und einer circular economy zu ergründen. Diese praktischen Beispiele können heute um ein Vielfaches erweitert werden.
Stoffströme von Produkten werden durch Service-Systeme in Quantität und Zeit kontrollierbarer. Eine planbare Rücknahmelogistik in geg. wirtschaftlich lohnenswerten Mengen und überschaubaren Distanzen wird begünstigt. Die Verstädterung und das immer salonfähigere Teilen oder Mieten statt selbst zu besitzen begünstigen die Voraussetzungen für eine circular economy.

Das entstehende Potential der Symbiose zwischen einer circular economy und einer sharing economy, verknüpft mit dem einen oder anderen Aspekt von Megatrends, bietet neue Perspektiven für zukünftige systemische Produktentwicklungen.

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The Author

Ines Goebel

Ines Goebel

Ines is a product designer with a passionate interest for innovation processes within the circular and the sharing economy. She thrives in interdisciplinary environments with scientists, marketing experts and business leaders alike, for instance in the creation of Cradle to Cradle driven design concepts and product developments. Making use of her insatiable creative energy, Ines has become an experienced facilitator of innovation workshops, having conducted a number of high-level workshops with leaders in the consumer goods and automotive industries, exploring with them the potential of Circular Economy. The approach that Ines follows is a holistic one, and she likes to lead creative processes from ideation to concluding the developments of concrete product solutions for the industry.

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