International Correspondents

Ein Rohstoff der Mobilität

Mobilität – eines der größten Themen unserer Zeit. Spätestens seit Beginn des 19. Jahrhunderts ist unser Leben und unser Wirtschaften geprägt von einem ständigen Wachstum der Fortbewegung.

Wir bewegen uns, als auch gigantische Materialmassen, immer schneller und immer weiter. Unsere Welt ist durchdrungen von Mobilität. Circular Economy ist eine Organisationsform von Materialmobilität.

Doch woher kommt der Rohstoff, auf dem wir rollen?

Reifen verfügen je nach Anwendung über unterschiedliche Eigenschaften, welche u.a. durch die Materialzusammensetzung steuerbar sind. Trotz fortgeschrittener Entwicklung besitzt kein synthetisches Material bessere technische Eigenschaften als Naturkautschuk.

Deshalb wird in LKW-Reifen ein besonders hoher Anteil davon eingesetzt. Naturkautschuk wird heute aus dem Latexsaft des in Asien angebauten Kautschukbaumes Hevea Brasiliensis gewonnen.

Der lateinische Name des Baumes verrät seine ursprüngliche Herkunft. Einst war Südamerika Hauptproduzent für Naturkautschuk. Heute kann Hevea Brasiliensis jedoch nicht mehr kommerziell in Südamerika angebaut werden. Der Grund hierfür ist die Ausbreitung des Schlauchpilzes Microcyclus ulei (auch bekannt unter dem Namen South American Leaf Blight, kurz SALB), welcher nach dem zweiten Weltkrieg großflächig Gummibaumbestände schädigte und seither den kommerziellen Anbau unmöglich macht.

Die heutigen Pflanzenbestände der Kautschukbaumplantagen in Asien stammen von einigen wenigen Samen ab, welche Dr. Henry Wickham im Jahre 1876 nach Asien schmuggelte, um einen kommerziellen Anbau außerhalb Südamerikas zu initiieren. Der Genpool von Hevea Brasiliensis in Asien ist daher klein, weshalb die domestizierten Pflanzen besonders anfällig für Krankheiten sind.

Bis heute gab es in Asien keinen Ausbruch von SALB.

Die Ausbreitung des Schlauchpilzes auf dem asiatischen Kontinent würde jedoch – bei gleichzeitig stetig steigender Nachfrage – eine enorme Verknappung des Rohstoffes einleiten.

Neben diesem weltwirtschaftlichen Risiko gibt es zum Anbau von Hevea Brasiliensis in Asien noch einige kritische ökologische Aspekte:

Um die Baumbestände gegen SALB, Bakterien und Ungeziefer zu schützen, werden Pestizide wie Arsenic Trioxide auf den Plantagen versprüht, welche auf die Feldarbeiter stark toxisch wirken können und karzinogen sind. Kautschukbaumplantagen entziehen dem Boden viel Wasser und werden in einigen Anbaugebieten in Zusammenhang mit Bodenerosion gebracht.

Licenced CC Credit Flickr: Michele Catania
Licenced CC Credit Flickr: Michele Catania

Weltweit wird nach unterschiedlichen Strategien und Alternativen für die Rohstoffgewinnung für Naturlatex gesucht. In Europa steht primär eine Pflanzenart im Fokus, welche den begehrten Latexsaft in ähnlicher Qualität wie Hevea Brasiliensis produzieren kann: Russischer Löwenzahn (Taraxum koksaghyz) wurde bereits während des zweiten Weltkrieges für die Produktion von Latex genutzt. Technologisch gelang damals jedoch noch keine effiziente Produktion, somit wurde Löwenzahnlatex zunächst durch Hevea Brasiliensis vom Markt verdrängt. Mit erweitertem Wissen und neuen technologischen Möglichkeiten erfährt der Löwenzahn heute eine Renaissance als industrielle Nutzpflanze. Derzeit läuft bereits das zweite EU-weite Forschungsprojekt (DRIVE4EU), beheimatet an der Universität Wageningen, um neue Erkenntnisse in Züchtung und Verarbeitung zu generieren und das Potenzial für den Anbau von Russischem Löwenzahn in Europa auszuloten. In Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer Institut IME entwickelte der Reifenhersteller Continental kürzlich eine auf Löwenzahnlatex basierende Gummimischung namens „Taraxagum“, dessen Performance derzeit an Lastwagenreifen getestet wird.

Neben dem Latexerzeugnis lässt sich aus dem Löwenzahn auch Inulin gewinnen, welches für die Produktion von Zucker für die Lebensmittelindustrie verwendbar ist. Durch Fermentierungsprozesse kann aus dem Inulin auch Biotreibstoff hergestellt werden.

So zeichnet sich eine zunächst positive Innovation in der Herstellungsphase von Reifen ab. Herausforderungen, wie eine mögliche Feinstaubelastung durch Abrieb in der Nutzerphase, sowie Kreislaufschließungsmöglichkeiten in der Entsorgungsphase, bilden weitere Herausforderungen aus einer Circular Economy/Cradle to Cradle-Perspektive.

 

 

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The Author

Ines Goebel

Ines Goebel

Ines is a product designer with a passionate interest for innovation processes within the circular and the sharing economy. She thrives in interdisciplinary environments with scientists, marketing experts and business leaders alike, for instance in the creation of Cradle to Cradle driven design concepts and product developments. Making use of her insatiable creative energy, Ines has become an experienced facilitator of innovation workshops, having conducted a number of high-level workshops with leaders in the consumer goods and automotive industries, exploring with them the potential of Circular Economy. The approach that Ines follows is a holistic one, and she likes to lead creative processes from ideation to concluding the developments of concrete product solutions for the industry.

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